Die Robe und ihr Tragekomfort

Roben werden meist in gut beheizten Räumen getragen. Darunter steckt dann noch die Kleidung, die ohnehin schon warm genug macht, ganz abgesehen davon, dass es bei manchen Sitzungen recht heiß hergehen kann. Die Robe des Richters ist weniger das Problem. Es ist die Anwaltsrobe, die Hitzewallungen auslösen kann. Der Richter zieht seine Jacke aus, bevor er in die Robe schlüpft. Der Anwalt hingegen hat seinen Blazer darunter an, denn er kommt ja üblicherweise in der Straßenkleidung.
Bei einer guten Robe ist Natur angesagt. Schurwolle, Baumwolle, Seide und seidenähnliches Acetat. Stoffgewebe, die aus synthetischen Polymeren hergestellt sind, sind schweißtreibend. Und weil das manche Hersteller nicht richtig ernst nehmen, haben wir vor längerer Zeit schon eine gutachterliche Beurteilung in Auftrag gegeben. Hier das Ergebnis:

GUTACHERLICHE STELLUNGNAHME:

1.) Meine Materialuntersuchungen haben ergeben, dass die Satin-Besatzstoffe der Robe Elite nicht aus Polyester sind. Sie sind aus 100% Acetat.

2.) Polyester ist eine Chemiefaser, die keine Anteile eines pflanzlichen oder tierischen Ausgangsmaterials enthält. Polyester wird im Polykondensverfahren aus synthetischen Polymeren (Erdöl) hergestellt.

3.) Polyester hat von Natur aus keine elektrische Leitfähigkeit, deshalb ist es zutreffend, dass Polyester sich elektrostatisch auflädt und unangenehme Stromstöße bei Entladung entstehen können. Aus diesem Grund werden beispielsweise in Teppich , die Polyester enthalten, Metallfäden eingearbeitet, damit bei entsprechenden Klimabedingungen keine unangenehmen „Schläge“ z. B. beim Berühren eines Türgriffes entstehen. Es ist hinreichend bekannt, dass Nylonstrümpfe bei Reibung unter ungünstigen Klimabedingungen „knistern“, also elektrostatische Entladungen stattfinden. Auch das „Ankleben“ an die darüber getragene Kleidung wird als unangenehm empfunden, weil der vorgesehene Fall des Stoffes der darübergetragenen Kleidung durch „Ankleben“ nicht mehr gegeben ist. Darüberhinaus verändert und beeinträchtigt das „Ankleben“ den Fall und den optischen Eindruck des Bekleidungsstückes. Der über den Schnitt in das Bekleidungsstück hineinkonstruierte Fall kann sich nicht ausbilden.

4.) Polyester wirkt schweißtreibend, denn diese synthetische Chemiefaser selbst kann keine Feuchtigkeit aufnehmen und speichern. Die schweißtreibende Eigenschaft eines Polyestergewebes kann gemindert werden, indem man Polyestergewebe luftdurchlässig, also mit sehr geringer Gewebedichte webt. Wärme und Feuchtigkeit können beim Polyestergewebe ausschließlich durch die Poren eines Stoffgewebes gleiten, nicht jedoch durch die synthetische Polyesterfaser selbst. Soweit synthetische Polyesterfasern bei der Sportkleidung verwendet werden und dort nicht mehr von einer schweißtreibenden Eigenschaft gesprochen wird, hat dies seine Ursache darin, dass hier Wärme und Feuchtigkeit durch ein großporiges Polyestergewebe in ein Wärme und Feuchtigkeit aufnehmendes und darüberliegendes Stoffgewebe durchgeleitet werden, um dort gespeichert zu werden und zu verdunsten. Zu solchen aufnehmenden, speichernden und wieder abgebenden Stoffen zählen: Schurwolle, Baumwolle, Acetat. Polyesterfasern dagegen können keine Flüssigkeit aufnehmen und speichern, weshalb eine klimatisierende Verdunstung in einem 100&-igen Polyestergewebe nicht erfolgen kann.

Satin-Besatzstoffe von Roben müssen sehr dicht gewoben sein, um die gewünschte seidenähnlich glänzende Optik zu erreichen. Deshalb trifft die Aussage, Polyester wirke schweißtreibend, bei Satin-Besatzstoffen von Roben, die aus 100% Polyester bestehen, uneingeschränkt zu. Es erfolgt nämlich keine Minderung der schweißtreibenden Eigenschaft durch die, bei der Sportkleidung bekannte Großporigkeit (geringe Gewebedichte); eine „Transportwirkung“ hinsichtlich Wärme und Feuchtigkeit besteht nicht. Darüberhinaus gibt es bei den Satin-Besatzstoffen von Roben keinen darüber liegenden oder darüber getragenen, feuchtigkeits- und wärmeaufnehmenden Stoff, z. B. Schurwolle, Baumwolle, Acetat, der (wegen der Dichte des Polyesterbesatzes ohnehin nicht möglich) durchgeleitete Wärme und Feuchtigkeit aufnehmen, speichern und verdunsten lassen könnte.

Um dies zu verdeutlichen, hat mir die Autraggeberin Satin-Besatzstoffmuster der Firmen xxxxxxxxxxxx*, xxxxxxxxxxxxxx* und xxxxxxxxxxxx* übergeben, die ich aufgrund der beigefügten Verkaufsunterlagen eindeutig den einzelnen Firmen zuordnen konnte. Diese Stoffproben habe ich eingehend untersucht und stelle fest:

a) Alle 3 Satin-Besatzstoffe sind aus 100% Polyester.

b) Alle 3 Satin-Besatzstoffe sind so dicht gewoben, dass sie schweißtreibende Eigenschaften besitzen.

5.) Bei einem hochwertigen Bekleidungsteil, das mit dem Prädikat „reine Schurwolle“ beworben wird, halte ich es im Sinne des Verbrauchers für erforderlich, die Eigenschaften von Polyester- und Acetatbesatzstoffen zu vergleichen und auf die sich daraus, wie nachfolgend ausgeführt, unterschiedlich ergebenden Trageeigenschaften hinzuweisen:

a) Acetat als Spinnmasse selbst, ist eine, aus natürlichen Grundstoffen (aus Grundstoffen der Baumwolle) hergestellte Substanz, aus der glänzende, seidenähnliche Fäden oder Fasern gesponnen werden. Bei den glänzenden Fäden handelt es sich um einen aus mindestens 20 – 70 Einzelkapillaren bestehenden Endlosfaden, dessen Querschnittform einen Feuchtigkeitstransport im Verlauf der Faserachse begünstigt.

Aus diesen seidenähnlich glänzenden Fäden wird das Satingewebe hergestellt, das als Besatzstoff bei der Robe Elite Verwendung findet und seinerseits – ähnlich der reinen Schurwolle – Feuchtigkeit aufnehmen, speichern und an die Außenluft zum Zwecke des Verdunstens abgeben kann.

b) Die Trageeigenschaften einer Robe ergeben sich einerseits aus den verarbeiteten Stoffqualitäten, andererseits aus der Schnittführung und den daraus resultierenden bekleidungstechnischen Erfordernissen.

Der Aufbau einer Robe ist – von innen nach außen – wie folgt:

1. Futterstoff
2. Oberstoff
3. Besatzstoff

Wird eine Robe aus 100% hochwertiger, weil atmungsaktiver Schurwolle gekauft, so erwirbt der Käufer ein Bekleidungsteil, das sich durch einen schurwolle-typischen klimatisierenden Tragekomfort auszeichnet. Damit diese herausragende Eigenschaft so vollständig wie möglich erhalten bleibt, müssen die Futterstoffe, insbesondere die Besatzstoffe naheliegendst ähnliche Eigenschaften haben. Legt der Käufer Wert auf die besten Schurwolle-Trageeigenschaften, die aus der reinen Schurwolle vom Merino-Schaf resultieren, müssen die verarbeiteten Stoffqualitäten, die Schnittführung und Bekleidungstechnik im hohen Maße harmonieren.

Der Futterstoff (1.) muss Wärme und Feuchtigkeit in die reine Schurwolle leiten, die dort gespeichert und verdunstet wird (Klimatisierung). Nur wenn das auf die Schurwolle (2.) aufgenähte Besatzgewebe (3.) luftdurchlässig und auch feuchtigkeitsspeichernd ist, wird die klimatisierende Eigenschaft der reinen Schurwolle nicht beeinträchtigt, sondern unterstützt. Wird hingegen die Abgabefähigkeit (Verdunstung) der reinen Schurwolle durch ein luftundurchlässiges und nicht feuchtigkeitsspeicherndes 100% Polyestergewebe verhindert, verdichten sich Feuchtigkeit und Wärme an den Stellen, an denen das Polyestergewebe aufgenäht ist.

Die Robe Elite ist im Schulterbereich, Hals und Brustbereich annähernd vollflächig, im Rücken teilweise mit Besatzstoff versehen. Gerade in diesem Bereich erfolgen Verdunstung und Wärmeabgabe, da warme und feuchte Luft, die sich im unteren Bereich der Robe ansammelt, nach oben steigt, von der reinen Schurwolle aufgenommen und verdunstet wird. Nachdem die Besatzflächen der Robe große Teile des Oberkörper- und Halsbereiches abdecken, kann eine Verdunstung und Wärmeabgabe an die Außenluft nur erfolgen, wenn der, die Schurwolle abdeckende Stoff luftdurchlässig, wärme/feuchtigkeitsaufnehmend und wärme/feuchtigkeitsabgebend ist. Der bei der Robe Elite aufgenähte Besatzstoff aus 100% Acetat erfüllt diese Aufgaben in hohem Maße. Die Polyester-Qualitäten der von mir geprüften Besätze der genannten Mitbewerber tun dies dagegen nicht, weil sie annähernd luftundurchlässig sind, keine Wärme und Feuchtigkeit aufnehmen, speichern und abgeben können. Verdichten sich dadurch im oberen Bereich der Robe warme und feuchte Luft, entstehen Feuchtigkeits- und Hitzestaus.

Der Besatzstoff an den Armen und an der vorderen Länge etwa ab Taillenbereich spielt bei der klimatisierenden Verdunstung keine große Rolle. Hier erhalten jedoch elektrostatische Aufladungen besondere Bedeutung. Jede Aufladung macht sich dann als äußerst unangenehm durch Kleben und Verhinderung des freien Faltenwurfes bemerkbar, wenn dabei andere Bekleidungsstücke aus anderen synthetischen Fasern oder Fäden (z. B. Nylonstrümpfe, Acrylpullover, Synthetikblusen- oder Hemden etc. getragen werden. Auf die unangenehm empfundenen elektrischen Schläge, die durch Entladung entstehen, habe ich schon hingewiesen. Die Spürbarkeit des Schlagempfindens liegt bei etwa 2000 Volt.

Nachdem der Gesetzgeber selbst im TKG der reinen Schurwolle besondere Bedeutung und Schutzwürdigkeit zumisst, die ja im Grunde nur aus den überragenden Schurwolle-Trageeigenschaften resultieren kann, ist der Gesamt-Tragekomfort eines, als aus reiner Schurwolle bestehend, beworbenen Bekleidungsteil ausschlaggebend. Käme es auf diesen Schurwolle-Tragekomfort nicht an, könnte der Verbraucher mit einem Polyester-Bekleidungsteil oder mit einem solchen, das ganz oder teilweise nicht atmungsaktives und elektrostatisch sich aufladendes Polyester enthält, besser bedient sein, denn Polyestergewebe können im Gegensatz zu reiner Schurwolle absolut knitterfrei, strapazierfähiger und pflegeleichter sein.

6. Zusammenfassend beurteilt, ergibt sich bei der Robe Elite ein beachtenswerter Vorteil dadurch, dass der Satin-Besatzstoff aus 100% Acetat besteht, der aufgrund der physikalischen Eigenschaften und aufgrund der Schnittführung, der bekleidungstechnischen Gestaltung, zu einem angenehmen Tragegefühl beiträgt und ein Wärme- oder Feuchtigkeitsstau nicht entsteht, eine elektrostatische Aufladung nicht gegeben ist, wie dies bei synthetischen Besatzstoffen (100% Polyester) der Fall ist.

Anmerkung:

Dieser Stellungnahme liegen ausschließlich Roben mit Satinbesätzen zugrunde. Richterroben, die mit Baumwollsamt besetzt sind oder Protokollführerroben, die keinen Besatz aus anderem Stoff haben, unterliegen deshalb nicht den ausgeführten Kriterien, weil Baumwollsamtbesätze deshalb nicht schweißtreibend sind, sich nicht elektrostatisch aufladen, da Baumwolle atmungsaktive Eigenschaften besitzt und Protokollführerroben keine, den Tragekomfort beeinträchtigende Besätze haben.

Diese gutachterliche Stellungnahme wurde nach bestem Wissen und Gewissen erstellt

Winterbach, den 07.12.1999
gez. Gerhard Risch
Von der Industrie- und Handelskammer Stuttgart öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Strickerei, Wirkerei und textile Materialprüfung

(* = unkenntlich gemachte Mitbewerber)

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